Der Club der künftigen Logistiker

Das ist schon mal ein gutes Omen. Als Michael Guttrof, Geschäftsführer des Bremer Speditionsunternehmens Kopf & Lübben, an diesem Dienstag um kurz vor zehn den Raum 1.15 am Gymnasium Süderelbe betritt, sitzen fast alle der 21 angemeldeten Elftklässler auf ihren Plätzen. Viele von ihnen haben sogar schon Stift und Zettel bereitliegen. Interesse an der Logistik scheint bei den Teenagern vorhanden zu sein.

Guttrof ist gemeinsam mit seinem Kollegen Christoph Petrow an die Schule gekommen, um den Schülern über die Ausbildungsmöglichkeiten in seinem Unternehmen zu berichten. Guttrof ist der Erfahrene mit dem Blick für das große Ganze, Petrow macht selbst gerade eine Ausbildung in dem Unternehmen. Er ist einer der Ersten, die den Hamburger Logistik-Bachelor absolvieren. Dabei werden Ausbildung und BWL-Studium miteinander verbunden.

Kopf & Lübben bildet Kaufleute für Spedition und Logistikdienstleistung aus. Neben Kopf & Lübben präsentiert sich den Gymnasiasten der Großhändler Mega Group. Zwei Auszubildende des Unternehmens berichten über die Möglichkeiten als Groß- und Außenhandelskauffrau und -Kaufmann. Allerdings gibt es auch bei dem Handelsunternehmen logistische Ausbildungsberufe: Fachlagerist und Fachkraft für Lagerlogistik können junge Menschen bei Mega werden.

Initiativen wie diese, bei denen sich ein Geschäftsführer nicht nur Zeit für den Nachwuchs nimmt, sondern sogar noch zu ihm hinfährt, sind heutzutage keine Seltenheit mehr. Denn die Logistikbranche muss um den Nachwuchs kämpfen. Das Schreckgespenst Fachkräftemangel geht um. Für die Schüler ist das eher ein Vor- denn ein Nachteil, denn, so Guttrof: „Euch liegt die Wirtschaft zu Füßen.“

Tatsächlich sind die Bewerberzahlen für logistische Ausbildungsberufe seit Jahren unter Druck. So zählte der DIHK 2013 noch annähernd 36.000 Ausbildungsverträge im Verkehrs- und Transportgewerbe. Im vergangenen Jahr waren es fast 2.000 weniger. Und der Fahrermangel ist mittlerweile sogar schon zu einem echten Engpassfaktor geworden. Mit Kapazitätsmangel ist häufig nicht mehr das Fehlen von LKW gemeint. Es fehlen jene, die die Fahrzeuge bewegen können.

Die Branche bietet viele Berufsbilder

Guttrof legt sich denn auch mächtig ins Zeug, um die Schüler für die Logistik und insbesondere Kopf & Lübben zu begeistern. Zunächst zeigt er einen Film des Speditionsverbands DSLV. Die Branche wird dort in ihrer ganzen Vielfalt gezeigt, anhand der Ausbildungsberufe Berufskraftfahrer, Fachkraft für Lagerlogistik und eben Kaufmann beziehungsweise Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung. Guttrof erzählt von sechs Ausbildungsplätzen im eigenen Unternehmen, in den Niederlassungen Bremen und Hamburg. Er beschreibt detailliert, was in der Ausbildung gefragt ist und geboten wird.

„Wer LKW-Fahrer werden möchte, bekommt den Führerschein im Zuge der Ausbildung natürlich bezahlt“, betont er. Der sei sonst sehr teuer. Er zählt auch auf, was man als Azubi im ersten, zweiten und dritten Lehrjahr verdient und dass die deutsche Speditionsausbildung im Ausland einen hervorragenden Ruf habe, weil es etwas Vergleichbares sonst nirgends gebe. Er erwähnt einen dreiwöchigen Auslandsaufenthalt in England und Kurse in Wirtschaftsenglisch bei Kopf & Lübben und verweist auf ein Joint Venture mit dem chinesischen Unternehmen Cargo Service. Die Message ist klar: Logistik ist ein internationales Geschäft und bietet die Chance, im Ausland Erfahrungen zu sammeln.

Als Chef eines mittelständischen Speditionsunternehmens mit 34 Mio. EUR Jahresumsatz und rund 50 Mitarbeitern muss sich Guttrof auch deshalb so sehr ins Zeug legen, da der Großteil der Jugendlichen bei Logistik, wenn überhaupt, wohl an die Deutsche Post oder einen der anderen Großlogistiker denkt. „Die meisten von Euch kennen wahrscheinlich am ehesten Kühne+Nagel, also K&N“, sagt er denn auch. „Wegen des Engagements von Herrn Kühne beim HSV. Wir sind zwar nicht K&N, aber K&L“, fügt er noch hinzu und zieht dann seine verbale Trumpfkarte. „Bei uns hat man als Auszubildender direkt Verantwortung und betreut eigene Kunden“, unterstreicht er.

All dies hilft nur wenig, wenn der Pool derjenigen, die für eine Ausbildung zur Verfügung stehen, stetig kleiner wird. Neben der Demografie ist die zunehmende Akademisierung der Wirtschaft ein Problem für die Logistik. Sechs von zehn Abiturienten starten mittlerweile direkt ein Studium. Anfang der 2000er lag der Anteil noch unter 40 Prozent. „Ich bin kein Freund dieses Akademisierungswahns“, sagt Guttrof. Er empfiehlt den Jugendlichen, zunächst eine Ausbildung zu machen und erst im Anschluss ein Studium anzugehen.

Duales Studium steht hoch im Kurs

Eine Möglichkeit beides zu verbinden sind duale Studiengänge, was, wie die anwesende Lehrerin betont, bei den Schülern heutzutage auch sehr hoch im Kurs stehe. Guttrof „warnt“ aber, dass der Arbeitsaufwand häufig „sehr hoch“ sei. „Da steht man als junger Mensch unter Druck, wenn man Job in der Firma, Berufsschule und noch Studium am Abend oder am Wochenende unter einen Hut bekommen muss.“

Allerdings bietet auch Kopf & Lübben die Möglichkeit, praktische und akademische Ausbildung parallel zu absolvieren. Christoph Petrow berichtet von seinem Alltag als Logistik-Bachelor in Hamburg. Das Gute dabei sei, dass die Module klug miteinander verbunden würden. Und den Bachelor-Abschluss erwerbe man in einem Jahr nach der dreijährigen Ausbildung, berichtet er. Das Programm ist damit straff, aber machbar.

In der anschließenden Fragerunde zeigen sich die Schüler interessiert und aufgeschlossen. „Warum braucht es überhaupt einen Spediteur? Warum wendet sich der Lieferant nicht direkt an eine Reederei?“ lautet eine Frage. „Mit welchen Waren hat man es bei Ihnen zu tun“ eine andere.

Die Vorträge kommen bei den Schülern an. „Ich finde es gut, dass sich sowohl ein Mittelständler als auch ein Großunternehmen präsentiert haben“, sagt Laura Leinweber. „Die Ausbildungsmöglichkeiten sind ausführlich beschrieben worden und auch die Fragen wurden gut beantwortet“, loben Selim Özsahin und Mikaeil Balchski. Und Aleksey Fridrich denkt sogar über eines der von den beiden Unternehmen angebotenen Praktika nach, um einmal hereinzuschnuppern.

Alles richtig gemacht also und dennoch muss Kopf & Lübben wohl auch weiterhin hart um den Nachwuchs werben. Denn nach ihrem Traumberuf gefragt, antwortet Mikaeil immerhin noch, dass er etwas mit Management im Im- und Export machen wolle. Aleksey und Selim wiederum möchten am liebsten Piloten bei der Lufthansa werden. Und Laura sieht sich als Informatikerin bei Google.

Guttrof ist mit seinem „Schulbesuch“ trotzdem zufrieden. „Die Resonanz war gut“, sagt er. Mal sehen, ob unter den Bewerbern für einen Ausbildungsplatz im nächsten Jahr auch ein Schüler oder eine Schülerin des Gymnasiums Süderelbe ist.

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Sebastian Reimann
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