30.11.2022

Die Palettenpioniere

Elf Bretter, neun Holzklötze, 78 Nägel – und ein Meilenstein der Logistik ist fertig. Die Europalette hat einst die Ladezeit von Güterwaggons oder Lkw um bis zu 90 Prozent verkürzt. Sie hat das Maß für Logistikzentren vorgegeben. Sie ist mit geringen Material- und Energiekosten reparierbar und am Ende ihres Lebenszyklus vollständig recyclebar.

Die Erfindung der Palette nimmt für die Logistiker eine ähnliche Bedeutung ein wie der Container. Wer sie und ihre Vorläufer erfunden hat, ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn die Entstehungsgeschichte der Palette ist lang. Schon im Alten Ägypten haben Menschen Gleitkufen zum Transport schwerer Güter verwendet. Die US-Army hat Paletten bereits im ersten Weltkrieg eingesetzt. Oder die Clark Equipment Company, die, als sie 1917 in den USA den ersten Gabelstapler baute, einfache Gleitkufen als Ladungsträger einsetzte. Diese frühe Palette meldete Carl Clark jedoch erst 1939 zum Patent an. 1924 hat Howard T. Hallowell eine „Hubwagen-Plattform“ zum Patent angemeldet. Während der 30er Jahre erschienen immer wieder neue Varianten der Palette auf dem amerikanischen Markt und auch in Europa existieren Patente für verschiedene Paletten.

Die erste Transportpalette datiert vom 7. November 1939, als George Raymond Sr und sein Mitarbeiter William House das Patent für einen hydraulischen Hubwagen und die dazugehörige Transportpalette aus Holz erhielten. Sie bereitete den Weg für die Europalette und die weltweiten Palettenpooling-Systeme.

Bereits im Jahr 1922 erwarb Raymond eine Gießerei namens Lyon Iron Works im US-Bundesstaat New York und formte diese zur Raymond Corporation, heute ein Tochterunternehmen von Toyota Industries. Mit seinem Erfindergeist gepaart mit dem Wunsch, die Herausforderungen der Kunden zu verstehen und zu lösen, legte Raymond dort den Grundstein für ein Unternehmen, das später eine ganze Branche prägen sollte. Seine Transportpalette war so gestaltet, dass die Gabeln des Hubwagens von zwei Seiten unter die Palette fahren konnten. Bevor Steve Raymond, der Enkel des Firmengründers, in den Ruhestand ging, war er in verschiedenen Funktionen aktiv in die Raymond Corporation eingebunden, unter anderem als ehemaliger Präsident des Raymond Solutions and Support Center. Er ist stolz auf die Erfindung seines Großvaters: „Alles in der Logistik beginnt mit der Palette“, sagt er.

Zahlreiche Palettenerfindungen wurden erst in den späten 40er Jahren zum Patent angemeldet, etwa die Vierwegepalette von Robert Braun, die im Jahr 1945 patentiert wurde, oder eine Einwegpalette des US-Versorgungsoffiziers Norman Cahners, der 1949 das Patent erhielt.

Im Jahr 2004 hat auch die Europalette die DIN EN 13698-1 erhalten. Diese besagt, dass sie eine steife horizontale Plattform von geringer Höhe ist, „die mit Gabelstaplern, Gabelhubwagen oder anderem geeigneten Gerät gehandhabt werden kann und die als Grundlage für die Zusammenfassung von Gütern und Ladungen zum Stapeln, Lagern und Handhaben oder Transportieren dient.“

Mutter der Europalette ist die UIC: Die Geburtsstunde der Europalette hing wesentlich mit dem Standardisierungsgedanken zusammen. In den 50er Jahren begannen die Eisenbahngesellschaften immer mehr Güter auf Paletten zu transportieren und die Palette verbreitete sich rasant. Durch fehlende Standards kam es beim grenzüberschreitenden Transport jedoch zu einem regelrechten Chaos. Um dem entgegenzuwirken, arbeitete 1961 die Union Internationale des Chemins de fer (UIC) im Rahmen eines Arbeitskreises mit wechselnden Akteuren den Vertrag über eine normierte, tauschbare Palette aus, der in der Folge von den europäischen Eisenbahngesellschaften unterzeichnet wurde. Sie verpflichteten sich fortan zur Einhaltung der Norm (UIC - Norm 435-2 ff.), der Herstellung und zur Reparatur der Europaletten. Zudem wurden die Überwachung und die Gewährleistung eines störungsfreien Tauschs in einem EPP (Europäischer Palettenpool) vereinbart. Der Erfolg der Europalette mit den Maßen 800mm x 1200mm x 144mm war durchschlagend: Es gibt heute kaum ein Lager- oder Transportsystem, welches nicht an die Maße der Europalette angepasst ist.

Der offene Tauschpool für Europaletten funktioniert so: Eine beladene Palette wird am Zielort gegen eine baugleiche leere Europalette getauscht. Die Bestimmungen zur Herstellung und Reparatur von Europaletten sind dabei bis hin zur Position der einzelnen Nägel umfangreich. Der Tausch von Europaletten erfolgt nicht automatisch und ist auch nicht in allen Staaten üblich.

Mitte der 1970er Jahre hat die Gütegemeinschaft Paletten, das heutige Nationalkomitee der EPAL, die Verbreitung und Qualitätssicherung der Europalette teilweise übernommen. Gemeinsam haben die UIC und die 1991 gegründeten European Pallet Association (EPAL) e.V. in den Folgejahren die Verbreitung und Qualitätssicherung der Europalette vorangetrieben.

2013 trennten sich UIC und EPAL. Seitdem sind beide Organisationen Wettbewerber im offenen Europaletten-Tauschpool mit unterschiedlichen Markenzeichen: UIC/EUR auf den Eckklötzen der UIC-Europaletten und EPAL/EPAL auf den Klötzen der EPAL-Europaletten. Die EPAL ist mit ihren 14 Nationalkomitees (Mitglieder des Dachverbandes) und drei Repräsentanten in mehr als 30 Ländern weltweit aktiv.

Bereits wenige Jahre nach der Erfindung der Europalette erschien in Australien ein weiterer Player im Palettengeschäft. Oliver Richter (1920 - 2014) war Handelsmanager für den Bereich Manufacturing und Materials Handling im Logistikunternehmen Brambles. Zu der Zeit war das Unternehmen mit der Marke CHEP (Commonwealth Handling Equipment Pool) immer noch überwiegend im Bereich Material Handling in Sydney aktiv. Richter erkannte das Potenzial eines Paletten-Poolingsystems und baute den geschlossenen CHEP-Mietpool international erfolgreich aus. Im Rahmen des „Sharing and Reusing“-Modells von CHEP wurden wiederverwendbare Paletten, Kisten und Container für die gemeinsame Nutzung durch mehrere Teilnehmer in der gesamten Lieferkette zur Verfügung gestellt. Durch Richters Tatkraft und Vision trieb CHEP außerdem die Standardisierung der Palettengröße und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Verpackungsstandardisierung voran. Er ließ ein System zur Palettenkontrolle entwickeln, das den effizienten Warenverkehr verbessert und eine effektivere Wiederverwendung von Paletten sowie eine Reduzierung von Palettenverlusten garantierte. Insgesamt führten diese Initiativen zu spürbaren Produktivitätssteigerungen in der gesamten Lieferkette, da die Waren direkt vom Hersteller oder Erzeuger zum Einzelhändler transportiert wurden.

Vor den Pooling- und Wiederverwendungssystemen von EPAL, CHEP und UIC gaben die Unternehmen beträchtliche Summen für den Ersatz von Paletten aus, die nicht zurückgegeben wurden oder von minderer Qualität waren. Die Kreislaufwirtschaft der Europalette hat zu einer immensen Verbesserung der Nachhaltigkeit in der Logistik beigetragen, lange bevor das Thema Nachhaltigkeit auf der öffentlichen Agenda stand.

Das Ende der Geschichte der Palette ist aber noch längst nicht geschrieben. Sie hat einen Standard für die Logistik geschaffen. Sie gab den Anstoß zu Standardverpackungen, Kistengrößen und lichten Höhen in Lagergebäuden, Lkw-Anhängergrößen oder Gabelstaplerabmessungen. Dass die Palette auch in Zukunft eine treibende Kraft sein wird, steht außer Frage, aber wie jeder andere Ladungsträger, muss sie sich den Herausforderungen der Zeit stellen. Neben dem Faktor der Nachhaltigkeit ist die Palette heute allen voran Teil der digitalen Evolution in der Logistik. Forschung und Wissenschaft, Palettenhersteller und -kunden arbeiten an innovativen Wegen, um Paletten zu einem noch zuverlässigeren und intelligenteren Mittel für den Transport und die Präsentation von Waren zu machen.

Die Logistik steht auf Paletten. Diese intelligent zu machen, heißt die Logistik intelligent zu machen.

Die Palette der Zukunft wird nicht mehr nur nachhaltig Waren transportieren, sondern wichtige Informationen bereitstellen. Sie wird Umgebungsparameter aufnehmen und mit modernen Medien kommunizieren. Die Palette bleibt ein zentraler Baustein in einem digitalen Logistikuniversum mit weltweit vernetzten Supply Chains.

Weitere Informationen zu den Mitgliedern: www.logisticshalloffame.net/de/mitglieder High-Res-Bilder der Mitglieder: https://www.logisticshalloffame.net/de/presse/pressebilder/mitglieder.

Über Logistics Hall of Fame

Die Logistics Hall of Fame ehrt international Persönlichkeiten, die sich um die Weiterentwicklung von Logistik und Supply Chain Management außergewöhnlich verdient gemacht haben. Ziel der Logistics Hall of Fame ist es, als weltweite Plattform die Meilensteine der Logistik zu dokumentieren und ihre Macher auszuzeichnen, um so die Bedeutung der Logistik für Wirtschaft und Gesellschaft zu unterstreichen. Die Logistics Hall of Fame verleiht zudem den TRATON Logistics Leader of the Year Award an aktuelle Taktgeber der Logistik. Er wird von der TRATON SE gestiftet. Außerdem zeichnet die Logistics Hall of Fame innovative Logistikprojekte von humanitären Organisationen mit der Lynn C. Fritz Medal for Excellence in Humanitarian Logistics aus. Stifter ist das Fritz Institute. Die Non-Profit-Initiative wird unterstützt von Politik, Verbänden, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Schirmherrschaft hat Dr. Volker Wissing, Bundesminister für Digitales und Verkehr.

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