Immer häufiger auftretende und extreme Hitzeperioden stellen auch die Logistikunternehmen vor immer größere Herausforderungen. Nachhaltigkeit bedeutet in dem Fall nicht nur Klimaschutzmaßnahmen zu treffen, sondern sich auch auf die bereits bestehenden klimatischen Veränderungen vorzubereiten und seine unternehmerischen Abläufe und Strukturen dahingehend anzupassen. Wir als Logistik-Initiative Hamburg stellen uns dabei die übergeordnete Frage: Wie lassen sich Logistikstandorte, Infrastrukturen und Lieferketten widerstandsfähig gegenüber den Klimafolgen gestalten und wie können dabei gute, zukunftsfähige Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten gesichert werden?
Wirtschaftliche Resilienz trifft Arbeitsschutz
Klimaanpassung beginnt in der Logistik nicht erst bei Gebäuden und Fahrzeugen, sondern schon bei den Beschäftigten. Hohe Temperaturen belasten Mitarbeitende in Lagerhallen, an Laderampen, auf Umschlagplätzen oder bei der Zustellung besonders. HR kann da gemeinsam mit Arbeitsschutz und operativen Bereichen gegensteuern. Etwa durch angepasste Schicht- und Tourenplanung, zusätzliche Erholungspausen, ausreichende Trinkmöglichkeiten und kühle Rückzugsbereiche. Auch Führungskräfte sollten für Anzeichen von Hitzebelastung sensibilisiert werden. Somit trägt Hitzeschutz zur Beschäftigungsfähigkeit und zu der langfristigen Sicherung von Fachkräften in der Logistik bei. Hitzebedingte Belastungen können zu höheren Fehlzeiten, einer steigenden Unfallgefahr und einer zusätzlichen Belastung der Beschäftigten führen. Eine vorausschauende Personal- und Arbeitsorganisation sollte deshalb Teil der betrieblichen Klimaanpassung sein.
Die extremen Temperaturen treffen nahezu alle operativen Bereiche der Supply Chain: Büroflächen ebenso wie Lager- und Umschlaghallen, Betriebshöfe oder die Zustellung auf der letzten Meile. Die Auswirkungen sind dabei nicht nur eine Frage der Gesundheit, sondern auch der Produktivität. Eine aktuelle Studie von Allianz Trade zeigt auf, dass mit jedem weiteren Grad ab 30 Grad Celcius, die Arbeitsleistung um 3 Prozent sinkt. Hitzeschutz ist damit ein zentraler Baustein der betrieblichen Resilienz.
Besonders hoch ist die Belastung dort, wo körperliche Arbeit geleistet wird, wie beim Be- und Entladen, in der Kommissionierung, beim Rangieren oder auf der Zustellroute mit nicht klimatisierten Fahrzeugen wie z.B. E-Cargobikes. Während in administrativen Bereichen Ausweichmöglichkeiten wie Homeoffice oder flexible Arbeitszeiten helfen können, sind operative Abläufe in der Logistik ortsgebunden und anfälliger. Doch auch hier stellt sich die Frage, wie die Arbeitsorganisation und der Personaleinsatz anzunehmende Hitzeperioden angepasst werden können. Frühere Schichtbeginne, angepasste Pausenregelungen, eine Rotation besonders belastender Tätigkeiten oder zusätzliche personelle Kapazitäten können dazu beitragen, die Belastung für einzelne Beschäftigte zu reduzieren.
Soziale Dimension: Klimaanpassung und Klimagerechtigkeit
Den Hitzeschutz im eigenen Betrieb umzusetzen ist nicht nur eine Frage der Wirtschaftlichkeit, da viele der körperlich fordernden Tätigkeiten sich im Niedriglohnsektor bewegen und zeitgleich der enormen Hitze am meisten ausgeliefert sind. Damit sind Menschen, die in diesem Bereich arbeiten gleich doppelt gefährdet. Denn die sozioökonomischen Faktoren beeinflussen auch die Erholungsmöglichkeiten außerhalb der Arbeitszeit. Verdichteter Wohnraum, wenig Begrünung, und fehlende Rückzugsorte zur Erholung und Abkühlung tragen zu einer weiteren Belastung bei. Die Klimafolgen treffen daher nicht alle Menschen gleichermaßen. Diese soziale Komponente hat auch der Gesetzgeber aufgegriffen: Das Bundes-Klimaanpassungsgesetz (KAnG) formuliert das Ziel, einer Verschärfung sozialer Ungleichheiten durch Klimawandelfolgen entgegenzuwirken und stellt den Schutz vulnerabler Gruppen in den Fokus. Wer Hitzeschutz im Betrieb vorausschauend gestaltet, übernimmt somit nicht nur Verantwortung für Gesundheit und Betriebssicherheit, sondern setzt ein Zeichen für gelebte soziale Nachhaltigkeit.
Dabei sollten die Beschäftigten selbst frühzeitig einbezogen werden: Sie kennen die konkreten Belastungssituationen ihrer Arbeitsplätze und können wichtige Hinweise geben, welche Maßnahmen im Arbeitsalltag tatsächlich wirksam sind. Auch Betriebsrat, Arbeitssicherheit, Betriebsarzt und HR können ihre jeweiligen Perspektiven in die Entwicklung von Hitzeschutzmaßnahmen einbringen.
Vorsorge statt Reaktion
Da effektive Anpassungsmaßnahmen eine Vorlaufzeit erfordern, lassen sich notwendige Maßnahmen bei akuten Hitzewellen nicht mehr ausreichend umsetzen. Daher zahlt sich eine strukturierte Vorsorge aus:
- Gebäude: Identifizierung von Wärmelasten; Prüfung von baulicher Verschattung, Dach- oder Fassadenbegrünung sowie optimierten Lüftungskonzepten.
- Prozesse: Anpassung von Schicht- und Ablaufschemata an Hitzetagen; klare Festlegung von Verantwortlichkeiten und Notfallketten.
- Mitarbeitende: Anpassung von Pausenregeln, Bereitstellung von Trinkwasser, Schaffung gekühlter Rückzugsorte sowie die Verlagerung körperlich schwerer Arbeiten in die kühleren Morgenstunden. Zudem eine klare Kommunikation: Beschäftigte sollten wissen, welche Schutzmaßnahmen gelten, an wen sie sich bei gesundheitlichen Beschwerden wenden können und welche Regelungen bei außergewöhnlicher Hitze greifen.
- Führungskräfte: Eine Sensibilisierung zum Umgang mit Hitzebelastungen ist notwendig, damit gesundheitliche Warnsignale frühzeitig erkannt und notwendige Anpassungen im Arbeitsablauf umgesetzt werden können.
- Arbeitsschutz: Erstellung eines betrieblichen Hitzeschutzplans unter Berücksichtigung der Technischen Regel für Arbeitsstätten ASR A3.5 (Raumtemperatur). Zur Orientierung: Ab 26 °C Raumtemperatur sollen Schutzmaßnahmen umgesetzt werden, ab 30 °C müssen Arbeitgeber zwingend wirksame Maßnahmen ergreifen. Überschreitet die Raumtemperatur 35 °C, ist der Raum ohne personenbezogene Schutzmaßnahmen (Entlastungskleidung, Kühlwesten, etc.) nicht mehr als Arbeitsstätte zulässig.
Unterstützungsangebote von der Stadt Hamburg
Hamburger Unternehmen müssen bei der Erarbeitung von Anpassungskonzepten nicht bei null anfangen. Das Bezirksamt Hamburg-Mitte stellt Unternehmen unter anderem einen Musterhitzeschutzplan sowie einen umfassenden Maßnahmenkatalog zur Verfügung. Diesen finden Sie hier: Musterhitzeschutzplan
Zudem bestehen regionale Förder- und Beratungsangebote zur klimagerechten Anpassung von Gewerbeimmobilien.
Nutzen Sie die kommenden Monate um über folgende Fragen nachzudenken:
- Welche Maßnahmen haben sich im vergangenen Sommer bewährt?
- Wo traten Engpässe oder gesundheitliche Belastungsspitzen auf?
- Welche baulichen und organisatorischen Anpassungen müssen vor dem nächsten Sommer auf den Weg gebracht werden?
Denn: Nach dem Sommer ist vor dem Sommer.