Vor dem Hintergrund zunehmender Verkehrsbelastung, wachsender E-Commerce-Ströme und steigender Flächenkonkurrenz im Straßenraum werden alternative Transportlösungen immer wichtiger. Die Straßen der Hamburger Innenstadt sind zunehmend überlastet und der Verkehr stockt. Was zu erhöhten Emissionen und Lärmbelastung führt. Schaut man auf eine Karte von Hamburg, erkennt man eine mögliche Alternative. Hamburg ist eine Stadt die durch Wasserwege geprägt wird. Diese rücken nun stärker in den Fokus logistischer Innovationen. Im Rahmen der europäischen Innovationsprojekte InnoWaTr und DECARBOMILE wurden in Hamburg verschiedene Anwendungsfälle für den städtischen Lieferverkehr auf dem Wasser getestet und erfolgreich erprobt.

Im Mittelpunkt standen dabei Kooperation, Wissenstransfer und der gemeinsame Austausch mit lokalen sowie europäischen Partnern. Beide Projekte beschäftigten sich im Hamburger Pilot mit den Potenzialen und Herausforderungen urbaner Wasserlogistik und verfolgten das Ziel, neue nachhaltige Transportlösungen für die letzte und vorletzte Meile praktisch zu testen.

Dass hierfür dringender Handlungsbedarf besteht, zeigt auch die „Strategie für die Letzte Meile Logistik“ der Freien und Hansestadt Hamburg. Diese verfolgt das Ziel, die CO₂-Emissionen bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 2017 zu reduzieren sowie die Verkehrsbelastung in der Stadt deutlich zu verringern.

InnoWaTr

Das Interreg-North-Sea-Projekt InnoWaTr verfolgt das Ziel, die Nachhaltigkeit und Resilienz der Binnenschifffahrt zu stärken und gleichzeitig ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Verkehrsträgern zu verbessern. Der Fokus der Hamburger „Freigh Flow Coalition“ liegt dabei auf der Frage, wie urbane Wasserwege sinnvoll für den Gütertransport genutzt werden können.

Für den Hamburger Piloten wurde die Belieferung von Bars und Restaurants entlang der Alsterkanäle und der Binnenalster mit Getränken getestet. Hierfür arbeitete die Logistik-Initiative Hamburg gemeinsam mit der TOP Mehrwert-Logistik GmbH & Co. KG, dem Getränkefachgroßhandel H. Beckröge Getränkefachgroßhandels GmbH sowie der Schiffswerft von Cölln zusammen. Zum Einsatz kam mit der „Cöllni“ ein vollelektrisches Boot. In zwei Testphasen im Herbst 2025 und Frühjahr 2026 wurde die Belieferung über die Wasserwege praktisch erprobt. Ergänzend dazu wurde eine vergleichbare landseitige Datensammlung durchgeführt, um beide Transportmodelle systematisch miteinander vergleichen zu können.

Die Ergebnisse der Testphasen zeigen deutlich das Potenzial urbaner Wasserlogistik. Die Lieferungen über die Wasserwege erwiesen sich insbesondere in dicht bebauten innerstädtischen Bereichen als zuverlässig und effizient. Während der Straßenverkehr häufig durch Staus, Ampeln oder eingeschränkte Ladezonen beeinträchtigt wird, konnten die Fahrzeiten auf dem Wasser deutlich konstanter eingehalten werden. Auch die Be- und Entladung erwies sich in vielen Fällen als praktikabler. Bei der landseitigen Belieferung müssten häufig steile Rampen, Treppen oder enge Zugänge überwunden werden. Bei der Lieferung per Schiff konnten die Getränke hingegen oftmals direkt vom Anleger aus in die Lagerräume oder Kühlschränke der Gastronomiebetriebe transportiert werden. Ein weiterer Vorteil betrifft die Nutzung des öffentlichen Raums. Lieferfahrzeuge blockieren im urbanen Raum regelmäßig Fahrbahnen, Fußwege oder Radwege und erhöhen dadurch das Konflikt- und Unfallpotenzial. Die Belieferung über Wasser vermeidet diese Nutzungskonflikte weitgehend und entlastet gleichzeitig den Straßenraum.

Decarbomile

Im Rahmen des Projekts DECARBOMILE  wurde in Hamburg über einen Zeitraum von sechs Wochen ein praxisnaher Test zur Nutzung der Wasserwege für den Pakettransport durchgeführt. Gemeinsam mit unserem Projektpartner Deutsche Post DHL wurde geprüft, ob eine Belieferung der Innenstadt auch über die Wasserwege möglich ist. Besonders innovativ war dabei die Kombination aus Wasser- und Landlogistik: Erstmals wurde der Pakettransport auf dem Wasser mit einer anschließenden Feinverteilung per Lastenrad im urbanen Raum verknüpft. Dadurch konnte ein durchgängiger, multimodaler Lieferprozess erprobt werden, der sowohl ökologische als auch logistische Vorteile miteinander verbindet.

Während der Testphase kam ein Schiff der Flotte Hamburg, die Neßsand, zum Einsatz, das mit dem erneuerbaren Kraftstoff HVO100 betrieben wurde. Ziel des Vorhabens war es, konkrete Beiträge zur Reduktion von CO₂-, Lärm- und Schadstoffemissionen zu leisten und gleichzeitig die bestehende Straßeninfrastruktur zu entlasten. Die innerhalb der Testlaufzeit gesammelten Daten und Erkenntnisse zeigen deutlich, dass eine Belieferung über die Wasserwege generell möglich ist, allerdings müssen die Sonderheiten auf tideabhängigen Gewässern berücksichtigt werden.

Gleichzeitig haben die Testphasen auch gezeigt, dass urbane Wasserlogistik mit spezifischen Herausforderungen verbunden ist. Im Tideabhängige Gewässer ist die Planbarkeit zeitkritischer logistischer Prozesse erschwert, da Wasserstände und Fahrzeiten nicht jederzeit konstant verfügbar sind. Hinzu kommen in dem Fall, Schleusenanlagen mit möglichen Wartezeiten, die im Ablauf berücksichtigt werden müssen. Die Tests verdeutlichen, dass für eine langfristige Etablierung wasserbasierter Lieferkonzepte angepasste Prozesse, geeignete Be- und Entladestellen entlang der Wasserwege, die stellenweise Entfernung von Schlick sowie eine enge Abstimmung aller Beteiligten erforderlich sind.

Die Pilotprojekte haben dennoch gezeigt, dass urbane Wasserwege ein bislang kaum genutztes Potenzial für nachhaltige City-Logistik bieten. Um solche Lösungen langfristig zu etablieren, braucht es neben praktischen Erfahrungen insbesondere geeignete politische Rahmenbedingungen, Investitionen in emissionsfreie Schiffe sowie passende Umschlag- und Logistikflächen entlang der Wasserwege. Zudem müssen geeignete Anwendungsfälle identifiziert werden, welche wirtschaftlich sind und dadurch geeignete Investitionen anstoßen.

Vielen Dank an die beteiligten Projektpartner, ohne die die Umsetzung der Pilottests nicht möglich gewesen wäre!

 

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