Unser Fachkreisleiter Schiene Philipp Best diskutierte auf der NordBau über Hochleistungskorridore, Planungssicherheit und die Zukunft der Schieneninfrastruktur.

Wie kann die Schiene in Deutschland leistungsfähiger werden, wenn gleichzeitig ein erheblicher Sanierungsstau aufgearbeitet werden muss? Und wie lassen sich umfangreiche Baumaßnahmen erfolgreich umsetzten?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Infrastruktur-Forums auf der NordBau. Unter dem Titel „Bahnbau: Zwischen Hochleistungskorridoren, Flickschusterei und Planungssicherheit“ diskutierten Referierende aus Politik, Bauwirtschaft, DB InfraGO und Logistik über die Herausforderungen und Chancen beim Ausbau und der Sanierung der Schieneninfrastruktur.

Mit dabei war auch Philipp Best, Leiter des Fachkreises Schiene der Logistik-Initiative Hamburg. Als Vertreter der Nutzerseite brachte er insbesondere die Perspektive des Schienengüterverkehrs und der verladenden Industrie in die Diskussion ein.

Die Schiene gewinnt an Bedeutung und steht gleichzeitig vor großen Herausforderungen

Dass die Schiene in den kommenden Jahren eine zentrale Rolle spielen soll, wurde in der Diskussion deutlich. Susanne Henckel, Staatssekretärin für Verkehr und Arbeit im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein, verwies darauf, dass der Verkehrsträger Schiene auf Bundes- und Landesebene wieder deutlich stärker in den Fokus gerückt ist. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt im erheblichen Investitions- und Sanierungsbedarf. Gleichzeitig steht die Schiene mitten in einem europäischen Verkehrsnetz. Leistungsfähige Verbindungen über Deutschland hinaus sind deshalb nicht nur für den Personenverkehr, sondern insbesondere auch für den Güterverkehr und die Industrie von Bedeutung.

Für Philipp Best ist dabei klar: Die Nutzer der Schiene haben grundsätzlich Verständnis für die notwendigen Baumaßnahmen. Was sie brauchen, ist vor allem Verlässlichkeit und frühzeitige Informationen für bessere Planbarkeit. Denn Baustellen, Umleitungen und längere Transportzeiten lassen sich in der Logistik einplanen, vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen sind frühzeitig bekannt. Unternehmen können dann beispielsweise Bestände anpassen, alternative Transportrouten organisieren oder vorübergehend auf andere Verkehrsträger ausweichen.

Hochleistungskorridore: Lieber eine große Baustelle als dauerhafte Einschränkungen

Eine zentrale Rolle in der Diskussion spielten außerdem die sogenannten Hochleistungskorridore. Das Prinzip: Eine Strecke wird für einen definierten Zeitraum vollständig gesperrt, um verschiedene Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen gebündelt umzusetzen. Aus Sicht des Schienengüterverkehrs ist dieser Ansatz trotz der erheblichen Einschränkungen grundsätzlich sinnvoll. Dabei stellt sich ein entscheidender Unterschied zur klassischen „Flickschusterei“ heraus: Werden einzelne Maßnahmen immer wieder über kurze Zeiträume verteilt, entstehen dauerhaft, ungeplante neue Einschränkungen. Eine langfristig geplante Generalsanierung schafft dagegen zumindest die Möglichkeit, sich gezielt auf einen definierten Zeitraum einzustellen. Dabei geht es nicht darum, die Herausforderungen der Hochleistungskorridore kleinzureden. Gerade bei wichtigen Güterverkehrsachsen müssen Umleitungsstrecken und alternative Transportmöglichkeiten frühzeitig mitgedacht werden.

Als Beispiel wurde die für 2027 geplante Sanierung der Strecke zwischen Bremen und Bremerhaven angesprochen. Bremerhaven ist einer der bedeutenden deutschen Häfen und damit für internationale Warenströme und die Industrie von hoher Bedeutung. Eine vollständige Unterbrechung der Verbindung ist hier nicht möglich da Waren aus dem Hafen herauskommen müssen. Es zeigt sich, dass jede Korridorsanierung einzeln betrachtet werden muss und auf besondere Gegebenheiten geachtet werden sollte. Aus Sicht von Philipp Best ist deshalb entscheidend, dass bereits im Vorfeld gemeinsam mit den betroffenen Akteuren nach Lösungen gesucht wird. Dazu gehören beispielsweise Ausweichmöglichkeiten und Konzepte für Transporte, die während einer Sperrung nicht auf dem üblichen Weg durchgeführt werden können.

Infrastruktur ist mehr als Gleise und Baustellen

Ein weiterer wichtiger Punkt der Diskussion: Für einen funktionierenden Schienenverkehr reicht es nicht aus, lediglich Gleise zu bauen oder zu sanieren. Die Referierenden machten deutlich, dass auch die Prozesse rund um die Baustellen entscheidend sind. Bei einer Baumaßnahme musste eine Schienenanbindung für ein Wochenende gesperrt werden. Die Bauunternehmen hätten die Arbeiten auch zu einem anderen Zeitpunkt durchführen können. Entscheidend waren jedoch die verfügbaren Kapazitäten für die Abnahme der Leit- und Sicherungstechnik. Hätte diese Abnahme nicht innerhalb dieses Zeitfensters stattgefunden, hätte sich die gesamte Baustelle um rund zehn Monate verschieben können. Das Beispiel zeigt: Nicht nur die eigentliche Bautätigkeit bestimmt die Geschwindigkeit von Infrastrukturprojekten. Auch Planung, Genehmigung, Prüfung und Abnahme müssen ausreichend Kapazitäten haben und ineinandergreifen. Gerade mit Blick auf die zunehmende Zahl von Bauprojekten wird deshalb eine langfristige Perspektive notwendig. Wenn heute mehr Infrastruktur umgesetzt werden soll, braucht es nicht nur Geld, sondern auch ausreichend Planungs-, Prüf- und Fachpersonal.

Deutschland als Teil eines europäischen Schienennetzes

Für den Schienengüterverkehr endet die Betrachtung zudem nicht an der deutschen Grenze. Laut Philipp Best sind rund 60 Prozent der Schienengüterverkehre in Deutschland grenzüberschreitend. Damit wird deutlich, welche Bedeutung die deutsche Infrastruktur für europäische Logistikströme hat. Deutschland verbindet unter anderem die Nordseehäfen mit Mittel- und Osteuropa und spielt damit eine zentrale Rolle für den internationalen Warenverkehr. Gleichzeitig entsteht zunehmend Wettbewerb um diese Warenströme. Andere europäische Länder und Häfen investieren ebenfalls in ihre Infrastruktur. Wenn Deutschland langfristig nicht genügend Kapazitäten bereitstellt, suchen sich Warenströme andere Wege. Damit wird Infrastrukturpolitik zu einer langfristigen Standortfrage.

Planungssicherheit beginnt bei der Finanzierung

Neben der eigentlichen Infrastruktur wurde auch die Finanzierung intensiv diskutiert. Für die Bauwirtschaft ist eine kontinuierliche Nachfrage entscheidend, um Kapazitäten und Fachkräfte langfristig aufzubauen. Dr.-Ing. Claus-Christian Ehrhardt, Geschäftsführer Groth & Co. Bauunternehmung GmbH und Vorstandsvorsitzender des Bauindustrieverbandes Hamburg Schleswig-Holstein, betonte deshalb die Bedeutung einer verlässlichen und langfristigen Finanzierung. Ein einmalig bereitgestelltes Sondervermögen löst das Problem nicht dauerhaft. Infrastruktur muss auch über dessen Laufzeit hinaus finanziert und weiterentwickelt werden.Für die Schiene ist das unmittelbar relevant: Nur wenn Politik, Infrastrukturbetreiber und Bauwirtschaft langfristig planen können, lassen sich auch die notwendigen Kapazitäten für die Umsetzung schaffen.Das betrifft neben finanziellen Mitteln auch Personal und Know-how. Wer heute Planer, Prüfer und Fachkräfte benötigt, muss wissen, dass die Nachfrage auch in mehreren Jahren noch vorhanden ist.

Digitalisierung und neue Formen der Zusammenarbeit

Auch die Art und Weise, wie Infrastrukturprojekte geplant und umgesetzt werden, stand im Mittelpunkt der Diskussion. Dr. Ehrhardt verwies auf die Chancen des modellbasierten und digitalen Bauens mit Hilfe digitaler Zwillinge. Infrastrukturprojekte können zunächst digital geplant und potenzielle Störungen frühzeitig erkannt werden, bevor die Umsetzung auf der Baustelle beginnt. Auch bei DB InfraGO werden digitale Prozesse zunehmend miteinander verknüpft. Jutta Heine-Seela, DB InfraGo, Resort Infrastrukturplanung und -projekte, Leiterin Technik, Schienenanbindung, Fehmarnbeltquerung, berichtete beispielsweise von Ansätzen, verschiedene Systeme und Prozesse stärker zusammenzuführen und unter anderem Baufortschritt und Risikomanagement miteinander zu verknüpfen. Ein weiterer Ansatz sind Partnerschaftsmodelle und sogenannte Allianzmodelle, bei denen Bauunternehmen bereits frühzeitig in die Planung eingebunden werden. Bei der Fehmarnbeltquerung wird dieser Ansatz derzeit in mehreren Abschnitten erprobt.

Schneller entscheiden, besser zusammenarbeiten

Ein wiederkehrendes Thema des Forums war die Frage, wie Infrastrukturprojekte schneller umgesetzt werden können. Das geplante Infrastruktur-Zukunftsgesetz soll unter anderem Planungs- und Genehmigungsverfahren vereinfachen und beschleunigen. Susanne Henckel verwies dabei auf die Möglichkeit, bei bestimmten Maßnahmen gezielter und mit weniger komplexen Verfahren vorzugehen. Für Jutta Heine-Seela liegt ein wesentlicher Hebel auch in schnelleren Entscheidungen innerhalb der Projekte. Lange Wartezeiten führen dazu, dass Projekte nicht weitergeführt werden können, während nach einer späten Entscheidung plötzlich eine schnelle Umsetzung erwartet wird. Auch die Digitalisierung kann hier unterstützen. Gleichzeitig braucht es laut den Diskutierenden vor allem erfahrene und gut vernetzte Mitarbeitende, die Projekte kontinuierlich begleiten.

Gleisanschlüsse als Baustein für mehr Güterverkehr auf der Schiene

Neben den großen Infrastrukturprojekten wurden auch kleinere, aber für den Güterverkehr wichtige Maßnahmen thematisiert. Mit dem sogenannten Railcoach-Ansatz in Schleswig-Holstein soll Unternehmen unter anderem dabei geholfen werden, Gleisanschlüsse und damit verbundene Fragen systematischer zu bearbeiten. Ziel ist es, Wissen und Erfahrungen zu bündeln und Unternehmen bei der Entwicklung entsprechender Lösungen zu unterstützen. Auch die Initiative Zukunft Schiene Nord, in der sich die fünf norddeutschen Bundesländer zusammengeschlossen haben, verfolgt einen ähnlichen Gedanken auf einer übergeordneten Ebene: gemeinsame Prioritäten für Infrastrukturvorhaben zu definieren und die Interessen des Nordens gegenüber dem Bund besser zu bündeln. Gerade für die Logistikregion Hamburg und die norddeutschen Häfen ist eine leistungsfähige Schieneninfrastruktur von besonderer Bedeutung.

 Das Fazit: Die Schiene braucht Verlässlichkeit

Die Diskussion auf der NordBau hat gezeigt, dass die Herausforderungen der Schieneninfrastruktur nicht mit einer einzelnen Maßnahme gelöst werden können. Es braucht Investitionen, ausreichend Planungskapazitäten, schnellere Genehmigungen, digitale Prozesse und eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik, Infrastrukturbetreiber, Bauwirtschaft und Nutzern. Für den Schienengüterverkehr kommt dabei eine weitere Dimension hinzu: Planbarkeit.

Baustellen und Einschränkungen werden sich auch in Zukunft nicht vermeiden lassen. Entscheidend ist deshalb, dass die betroffenen Unternehmen frühzeitig wissen, was auf sie zukommt und welche Alternativen zur Verfügung stehen. Philipp Best bringt es auf einen einfachen Nenner: „Wenn die Rahmenbedingungen verlässlich sind, können sich die Nutzer darauf einstellen und der Verkehr bleibt auf der Schiene.“

Sie wollen mehr zu dem Thema erfahren? Hören Sie jetzt in den Podcast rein: https://open.spotify.com/episode/0RIe8ZcstdNegMCPQ8Z3Xs?si=ZYUMm1RxQeuKKlJvaZbl7w&nd=1&dlsi=670a1cf278c54983

Weitere Informationen zum FK Schiene finden Sie hier.

Weiterempfehlen
keyboard_arrow_left Zur BLOG-Übersicht