Rotterdam, 24. Februar 2026. Der Welthandel wird rauer: Geopolitik, schwankende Märkte
und immer neue Vorgaben machen Zollmanagement zu einem strategischen Thema für
europäische Unternehmen. Doch oft halten Kapazitäten und Spezialwissen mit der
steigenden Komplexität nicht Schritt. Das zeigt der zweite Strategic Radar Customer Survey
2026 der Customs Support Group (CSG). Für die Studie hat Europas führender unabhängiger
Anbieter von Zollabfertigungs- und Handelslösungen die Antworten von fast 200
europäischen Produktions- und Einzelhandelsunternehmen ausgewertet.
Zollmanagement rückt vom Backoffice in die Management-Ebene: Bei fast 44 Prozent der
befragten Unternehmen ist die Bedeutung gestiegen, bei 18,5 Prozent davon sogar deutlich.
Dies zeigt, dass Unternehmen die wachsende Komplexität und Volatilität des internationalen
Handels zunehmend strategisch ernst nehmen.
Doch die Realität in der Unternehmenspraxis sieht anders aus: Während die strategische
Bedeutung steigt, fehlen zollspezifisches Fachwissen und personelle Ressourcen.
„Die Studie zeigt ein paradoxes Bild“, sagt John Wegman, CEO der Customs Support Group. „Zoll-Compliance ist wichtiger denn je,
aber viele Unternehmen sind diesbezüglich unterbesetzt und
handeln reaktiv statt proaktiv. Das ist eine riskante Kombination in Zeiten geopolitischer
Instabilität. Externe Berater und spezialisierte Zollagenten schließen diese Lücke – und
positionieren sich als langfristige strategische Wegbereiter statt als rein operative Dienstleister.“
Outsourcing bleibt Standard
Trotz wachsender strategischer Relevanz bleibt die operative Zollabfertigung in vielen
Unternehmen ausgelagert: 70 Prozent der befragten Unternehmen verfügen über kein internes
Team für Zollanmeldungen und setzen dabei auf Outsourcing an externe Partner. Selbst dort,
wo interne Teams bestehen, sind diese meist klein: Rund zwei Drittel der Unternehmen,
die Zollanmeldungen selbst managen, beschäftigen dafür nur bis zu vier Vollzeitkräfte – und
arbeiten in der Regel zusätzlich mit externen Partnern zusammen.
Der Mangel an spezialisiertem Zollwissen ist bei 38 Prozent der Befragten der Hauptgrund für
das Outsourcing. Ein Drittel nennt Kapazitätsmangel als Grund, und knapp 30 Prozent sehen
Outsourcing als kosteneffizienter an. Hinzu kommen Vorteile wie Zugang zu digitalen Lösungen
(22 Prozent), bessere Dokumentationsqualität (19 Prozent) und Unterstützung bei schnell
wechselnden Vorschriften (18,5 Prozent).
Auch beim Personalaufbau bleibt die Zurückhaltung groß: Zwar haben 23 Prozent in den letzten
24 Monaten zusätzliche Mitarbeitende in den Zolldeklarationsabteilungen eingestellt – doch
nur sechs Prozent planen weitere Einstellungen, während 58 Prozent keine Expansion vorsehen.
Expertenthema Warenklassifizierung
Angesichts zunehmender Zolltarif-Spannungen bleibt eine akkurate Warenklassifizierung
entscheidend, um Zölle und anderen Abgaben korrekt zu bestimmen und die Auswirkungen von
Veränderungen in der Lieferkette verlässlich zu bewerten. Während Zollanmeldungen häufig
ausgelagert werden, bleibt die Warenklassifizierung weiterhin eine interne Aufgabe. 60 Prozent
klassifizieren Waren vollständig intern, weitere 20 Prozent kombinieren internes Know-how mit
externer Unterstützung.
Gleichzeitig liegt das Vertrauen in die eigene Klassifizierung im Schnitt bei knapp 3,9 (von 5) und
ist damit – gemessen an der Bedeutung der Aufgabe – vergleichsweise niedrig.
Hinzu kommt, dass nur 30 Prozent großes Vertrauen in ihre eigene Warenklassifizierung haben.
Die Kontrollmechanismen bleiben zudem schwach: Lediglich etwa jedes dritte Unternehmen
überprüft seine Klassifizierung jährlich, während ein weiteres Drittel bislang noch nie eine
Überprüfung durchgeführt hat. Nur 12 Prozent von ihnen planen 2026 eine Überprüfung.
Die Folge: Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen (56 Prozent) ist latenten
Fehlklassifizierungsrisiken ausgesetzt. 28 Prozent von ihnen berichten bereits von negativen
Konsequenzen wie höheren Kosten oder Zollprüfungen. „Diese Diskrepanz zwischen
Verantwortung und Review-Praxis ist besorgniserregend“, sagt John Wegman.
„Wer Klassifizierungen einmal festlegt und dann nicht regelmäßig überprüft, schafft unnötige Risiken –
von Nachzahlungen über zusätzliche Überprüfungen bis zu operativen Verzögerungen. Wenn die
internen Kapazitäten begrenzt sind, kann eine teilweise Auslagerung an vertrauenswürdige
externe Partner helfen, die Lücke zu schließen.“
KI bleibt Hilfswerkzeug – menschliche Expertise unverzichtbar
Im Gegensatz zum Vorjahr spielt künstliche Intelligenz in diesem Jahr eine weniger prominente
Rolle. Kein Unternehmen verlässt sich bei der Klassifizierung vollständig auf KI. Nur 24 Prozent
nutzen KI regelmäßig oder gelegentlich für die Warenklassifizierung. Bemerkenswert:
55 Prozent sehen immer noch davon ab, KI für diese Aufgaben einzusetzen.
„Diese Zurückhaltung ist berechtigt“, sagt John Wegman. „Die Warenklassifizierung hat
erhebliche Compliance-Implikationen und Unternehmen wollen nicht riskieren, dass ein
Algorithmus Waren falsch klassifiziert und dadurch kostspielige Sanktionen auslöst. Menschliche
Expertise – die wir ‚Real Intelligence‘ nennen – bleibt die Grundlage. Dennoch kann KI einen
Mehrwert schaffen, indem sie Daten konsolidiert und Analysen unterstützt, während die finale
Entscheidung über die Klassifizierung erfahrenen Spezialisten überlassen bleibt.“
Viele Unternehmen reagieren erst im Ernstfall
Der Russland-Ukraine-Krieg ist und bleibt die größte externe Belastung für Lieferketten:
32 Prozent der Unternehmen berichten von erheblichen direkten Auswirkungen. Dicht dahinter
folgen die Krise im Roten Meer mit 23 Prozent und US-Zollspannungen mit 21 Prozent.
Unternehmen sind angesichts der künftigen geopolitischen Volatilität und Unsicherheit spürbar
alarmiert. Auf einer Skala von 1 bis 5 liegt das „Besorgnisniveau“ bei rund 3,1, wobei rund ein
Drittel besorgt oder sehr besorgt ist.
Dennoch reagieren viele Unternehmen nur passiv: Mehr als 42 Prozent haben keine konkreten
Maßnahmen gegen geopolitische Spannungen ergriffen. Drei Viertel der Unternehmen haben
keine Maßnahmen zur Minderung der Risiken durch Zolltarif-Konflikte umgesetzt. Insgesamt
geben nur rund 18 Prozent an, Handelsunsicherheit proaktiv und vorausschauend zu managen.
Ein Drittel reagiert erst, wenn Probleme auftreten, und etwa 10 Prozent beschreiben ihren
Ansatz als passiv.
„Das ist nicht nachhaltig“, warnt John Wegman. „Mit Blick auf 2026 dürfte ein reaktiver Ansatz
kaum noch tragfähig sein, da steigender Regulierungsdruck, eine intensivere Durchsetzung und
geopolitische Volatilität zunehmend proaktive und strukturierte Antworten erfordern.
Unternehmen, die ihre Vorbereitungen hinauszögern, müssen mit höheren Compliance-Risiken,
Kosten und Betriebsstörungen rechnen, da immer weniger reaktive Optionen zur Verfügung stehen.“
